OAIS (Open Archival Information System) ist das international anerkannte Referenzmodell für die digitale Langzeitarchivierung. Entwickelt vom Consultative Committee for Space Data Systems (CCSDS), wurde es 2002 als ISO-Standard 14721 anerkannt und 2012 grundlegend überarbeitet. Es ist die begriffliche Grundlage praktisch aller modernen digitalen Archive.
OAIS schreibt keine technische Implementation vor — es definiert ein gemeinsames Vokabular, ein Funktionsmodell und Verantwortlichkeiten. Konkrete Container-Formate (z. B. SIP nach eCH-0160 oder METS) und Werkzeuge (Archivematica, Anton, Rosetta etc.) instanziieren das Modell.
Information Packages
OAIS unterscheidet drei Container-Typen, die im Lebenszyklus eines digitalen Objekts auftreten:
- SIP (Submission Information Package) — was der Produzent dem Archiv übergibt.
- AIP (Archival Information Package) — was im Archiv langfristig aufbewahrt wird (typisch um Preservation-Metadaten angereichert).
- DIP (Dissemination Information Package) — was das Archiv dem Nutzer ausliefert (typisch eine Auswahl/Aufbereitung).
Jeder dieser Container besteht aus Content Information (das eigentliche Objekt mit seinen Repräsentations-Informationen) und Preservation Description Information (PDI).
PDI — fünf Informationskategorien
Die Preservation Description Information fasst alle Metadaten zusammen, die ein Objekt langfristig nutzbar halten:
| Kategorie | Inhalt |
|---|---|
| Reference | eindeutige Identifier (z. B. Signatur, ARK, Handle) |
| Provenance | Herkunft, Aktenbildner, bisherige Bearbeitungsschritte |
| Context | Beziehungen zu anderen Objekten, Aktenplan, Klassifikation |
| Fixity | Integritätsnachweise (Hashwerte, digitale Signaturen) |
| Access Rights | Zugangsbestimmungen, Lizenzen, Schutzfristen |
PREMIS ist das verbreitete Vokabular zur konkreten Umsetzung von PDI in Metadaten.
Funktionale Bereiche (6)
OAIS gliedert ein Archiv in sechs Funktionsbereiche:
- Ingest — Übernahme: SIP empfangen, validieren, in AIP überführen.
- Archival Storage — Speicherung: Bit-Erhaltung, Replikation, Backup.
- Data Management — Verwaltung der beschreibenden Metadaten und Datenbank-Operationen.
- Preservation Planning — Beobachten, ob Formate/Hardware obsolet werden, und entsprechende Massnahmen planen (z. B. Migration).
- Administration — Geschäftsbetrieb des Archivs, Übergabe-Vereinbarungen, Benutzerverwaltung.
- Access — Bereitstellung: Suche, DIP-Erstellung, Auslieferung an Nutzer.
Akteure
- Producer — Stellen, die Unterlagen abgeben (Verwaltungseinheiten, Forschende, Privatpersonen).
- Management — Trägerschaft des Archivs, definiert Auftrag und Ressourcen.
- Consumer — Forschende, Bürgerinnen und Bürger, die das Archiv nutzen.
Designated Community
Ein zentraler Begriff: das Archiv definiert eine Designated Community, also eine konkrete Zielgruppe mit definierter Wissensbasis. Langfristige Verständlichkeit wird gegen diese Community gemessen — nicht gegen ein abstraktes „für immer”. Wenn die Community wechselt (z. B. neue Generation, andere Disziplin), kann zusätzliche Repräsentations-Information nötig werden.
Sechs Pflichtverantwortungen
OAIS definiert sechs Verantwortlichkeiten, die ein konformes Archiv erfüllen muss:
- Mit Producern verhandeln und passende Inhalte akzeptieren.
- Genügend Kontroll-Befugnisse für die Langzeitarchivierung erlangen.
- Designated Community definieren und an ihrer Verständlichkeit arbeiten.
- Für unabhängige Verständlichkeit der Information sorgen (Repräsentations-Info).
- Dokumentierte Strategien und Prozeduren etablieren und befolgen.
- Information dauerhaft verfügbar halten und an die Community ausliefern.
Verwandte Standards
- SIP nach eCH-0160 — Schweizer Konkretisierung für SIPs.
- PREMIS — Metadaten-Schema für PDI.
- METS — Container-Format für AIPs (kombiniert mit PREMIS und z. B. MODS oder EAD).
- TRAC / ISO 16363 — Audit- und Zertifizierungsstandard für vertrauenswürdige digitale Archive (TDR).
- PAIMAS — Producer–Archive Interface Methodology Abstract Standard (Vorbereitung der SIP-Übergabe).
Werkzeuge in der Praxis
- Archivematica — Open-Source-OAIS-Workflow von Artefactual.
- Rosetta (Ex Libris) — proprietäre OAIS-Plattform, viele Universitätsbibliotheken.
- Preservica — kommerzielle SaaS-Lösung.
- Anton (siehe Produktseite) — bildet die OAIS-Funktionsbereiche Data Management und Access ab; für Storage und Preservation Planning kombinieren wir es mit Dimag oder anderen Repositorien.
- Inge (Projektseite) — Schnittstelle zwischen AIS und Dimag-Storage.
Aus unserer Praxis
OAIS ist begriffliche Grundlage all unserer Bestandserhaltungs-Projekte — vom Klosterarchiv Einsiedeln (90 000 Objekte OAIS-konform archiviert) bis zur Konzeption einzelner Workflows mit SIP-Ingest, Format-Identifikation (PRONOM) und Preservation Planning.