OAIS (Open Archival Information System) ist das international anerkannte Referenzmodell für die digitale Langzeitarchivierung. Entwickelt vom Consultative Committee for Space Data Systems (CCSDS), wurde es 2002 als ISO-Standard 14721 anerkannt und 2012 grundlegend überarbeitet. Es ist die begriffliche Grundlage praktisch aller modernen digitalen Archive.

OAIS schreibt keine technische Implementation vor — es definiert ein gemeinsames Vokabular, ein Funktionsmodell und Verantwortlichkeiten. Konkrete Container-Formate (z. B. SIP nach eCH-0160 oder METS) und Werkzeuge (Archivematica, Anton, Rosetta etc.) instanziieren das Modell.

OAIS-Funktionsmodell: Producer übergibt SIPs an die Funktion Ingest, die daraus AIPs für die Archival Storage erzeugt; Access liefert daraus DIPs an Consumer. Data Management unterstützt die drei Kernfunktionen, Preservation Planning und Administration überspannen das Ganze.
Diagramm: Mathieualexhache (Original), Mess (SVG/EN), Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0

Information Packages

OAIS unterscheidet drei Container-Typen, die im Lebenszyklus eines digitalen Objekts auftreten:

  • SIP (Submission Information Package) — was der Produzent dem Archiv übergibt.
  • AIP (Archival Information Package) — was im Archiv langfristig aufbewahrt wird (typisch um Preservation-Metadaten angereichert).
  • DIP (Dissemination Information Package) — was das Archiv dem Nutzer ausliefert (typisch eine Auswahl/Aufbereitung).

Jeder dieser Container besteht aus Content Information (das eigentliche Objekt mit seinen Repräsentations-Informationen) und Preservation Description Information (PDI).

PDI — fünf Informationskategorien

Die Preservation Description Information fasst alle Metadaten zusammen, die ein Objekt langfristig nutzbar halten:

KategorieInhalt
Referenceeindeutige Identifier (z. B. Signatur, ARK, Handle)
ProvenanceHerkunft, Aktenbildner, bisherige Bearbeitungsschritte
ContextBeziehungen zu anderen Objekten, Aktenplan, Klassifikation
FixityIntegritätsnachweise (Hashwerte, digitale Signaturen)
Access RightsZugangsbestimmungen, Lizenzen, Schutzfristen

PREMIS ist das verbreitete Vokabular zur konkreten Umsetzung von PDI in Metadaten.

Funktionale Bereiche (6)

OAIS gliedert ein Archiv in sechs Funktionsbereiche:

  • Ingest — Übernahme: SIP empfangen, validieren, in AIP überführen.
  • Archival Storage — Speicherung: Bit-Erhaltung, Replikation, Backup.
  • Data Management — Verwaltung der beschreibenden Metadaten und Datenbank-Operationen.
  • Preservation Planning — Beobachten, ob Formate/Hardware obsolet werden, und entsprechende Massnahmen planen (z. B. Migration).
  • Administration — Geschäftsbetrieb des Archivs, Übergabe-Vereinbarungen, Benutzerverwaltung.
  • Access — Bereitstellung: Suche, DIP-Erstellung, Auslieferung an Nutzer.

Akteure

  • Producer — Stellen, die Unterlagen abgeben (Verwaltungseinheiten, Forschende, Privatpersonen).
  • Management — Trägerschaft des Archivs, definiert Auftrag und Ressourcen.
  • Consumer — Forschende, Bürgerinnen und Bürger, die das Archiv nutzen.

Designated Community

Ein zentraler Begriff: das Archiv definiert eine Designated Community, also eine konkrete Zielgruppe mit definierter Wissensbasis. Langfristige Verständlichkeit wird gegen diese Community gemessen — nicht gegen ein abstraktes „für immer”. Wenn die Community wechselt (z. B. neue Generation, andere Disziplin), kann zusätzliche Repräsentations-Information nötig werden.

Sechs Pflichtverantwortungen

OAIS definiert sechs Verantwortlichkeiten, die ein konformes Archiv erfüllen muss:

  1. Mit Producern verhandeln und passende Inhalte akzeptieren.
  2. Genügend Kontroll-Befugnisse für die Langzeitarchivierung erlangen.
  3. Designated Community definieren und an ihrer Verständlichkeit arbeiten.
  4. Für unabhängige Verständlichkeit der Information sorgen (Repräsentations-Info).
  5. Dokumentierte Strategien und Prozeduren etablieren und befolgen.
  6. Information dauerhaft verfügbar halten und an die Community ausliefern.

Verwandte Standards

  • SIP nach eCH-0160 — Schweizer Konkretisierung für SIPs.
  • PREMIS — Metadaten-Schema für PDI.
  • METS — Container-Format für AIPs (kombiniert mit PREMIS und z. B. MODS oder EAD).
  • TRAC / ISO 16363 — Audit- und Zertifizierungs­standard für vertrauenswürdige digitale Archive (TDR).
  • PAIMAS — Producer–Archive Interface Methodology Abstract Standard (Vorbereitung der SIP-Übergabe).

Werkzeuge in der Praxis

  • Archivematica — Open-Source-OAIS-Workflow von Artefactual.
  • Rosetta (Ex Libris) — proprietäre OAIS-Plattform, viele Universitätsbibliotheken.
  • Preservica — kommerzielle SaaS-Lösung.
  • Anton (siehe Produktseite) — bildet die OAIS-Funktionsbereiche Data Management und Access ab; für Storage und Preservation Planning kombinieren wir es mit Dimag oder anderen Repositorien.
  • Inge (Projektseite) — Schnittstelle zwischen AIS und Dimag-Storage.

Aus unserer Praxis

OAIS ist begriffliche Grundlage all unserer Bestandserhaltungs-Projekte — vom Klosterarchiv Einsiedeln (90 000 Objekte OAIS-konform archiviert) bis zur Konzeption einzelner Workflows mit SIP-Ingest, Format-Identifikation (PRONOM) und Preservation Planning.