Memoriav ist der 1995 gegründete Verein zur Erhaltung des audiovisuellen Kulturguts der Schweiz, mitfinanziert vom Bundesamt für Kultur (BAK). Memoriav vergibt Projekt-Mittel, betreibt das nationale AV-Portal Memobase und publiziert die einschlägigen Empfehlungen für die Erhaltung von Fotografie, Film, Video und Ton — auf Deutsch, Französisch und Italienisch.
Wer in der Schweiz ein AV-Erhaltungs- oder Digitalisierungsprojekt mit BAK-Beteiligung aufsetzt, kommt an den Memoriav-Empfehlungen nicht vorbei: Sie sind faktisch der Massstab, an dem Förderanträge gemessen werden, und werden de facto auch von Institutionen ohne Förderung als Best Practice angewandt.
Aufbau der Empfehlungs-Reihen
Memoriav publiziert pro Medientyp eine eigene Empfehlungsreihe; ergänzt durch übergreifende Dokumente (Metadaten, Rechte). Die Reihen werden periodisch aktualisiert — Datum und Versionsnummer der jeweiligen PDF-Ausgabe sind beim Zitieren wichtig.
| Reihe | Inhalt |
|---|---|
| Foto | analoge und digitale Fotografie, Glasplatten, Dias, Negative; Lagerung, Reinigung, Digitalisierung |
| Film | Filmrollen, Magnetbänder, Digitalisierung, Cold Storage |
| Video | analoge und frühe digitale Videoformate (U-matic, Betacam, MiniDV …), Migration, Dateiformate |
| Ton | Tonbänder, Schallplatten, Digital Audio Tape, CDs, native digitale Aufnahmen |
| Querschnitt | Metadaten, Rechte, Dokumentation, Notfallplanung |
Was die Empfehlungen pragmatisch festhalten
Die Memoriav-Empfehlungen sind keine theoretischen Standards, sondern Praxis-Anleitungen. Pro Medientyp typisch enthalten:
- Bestandsaufnahme — wie identifiziert, beschriftet und sortiert man Objekte einer Sammlung
- Lagerung — Klima-Anforderungen, Behältnisse, Schutzhüllen
- Triage und Bewertung — was ist erhaltenswert, in welcher Priorität
- Digitalisierung — Auflösung, Sampling-Rate, Bittiefe, Codec, Container
- Archivformate — was als Master, was als Nutzungsformat
- Metadaten — minimal verpflichtende Felder
- Qualitätssicherung — Stichprobenkontrolle, Validierungs-Workflow
Typische Format-Vorgaben (Beispiele)
Die konkreten Vorgaben verschieben sich mit jeder Aktualisierung — die folgenden Werte sind illustrativ und sollten vor jedem Projektstart gegen die aktuelle PDF-Version geprüft werden:
| Medium | Master-Format (Archiv) | Charakteristik |
|---|---|---|
| Foto | TIFF, unkomprimiert, ≥ 24 Bit, sRGB oder Adobe RGB | DPI je nach Original (z. B. 600 dpi für Glasplatten) |
| Audio | WAV, 96 kHz / 24 Bit (oder 48/24 für Sprache) | BWF mit eingebetteten Metadaten |
| Video | FFV1 in MKV, oder JPEG2000 in MXF, oder unkomprimiertes 10-Bit YUV | verlustfrei, mit V210-Quelldaten |
| Film | DPX-Sequenz oder JPEG2000 in MXF | pro Frame; bei 35 mm typisch 4K, bei 16 mm 2K |
Charakteristisch ist die durchgängige Trennung zwischen Archivformat (verlustfrei, langlebig, gross) und Nutzungsformat (komprimiert, klein, web-tauglich).
Memobase
Memobase ist das nationale Portal, das Bestände aus Schweizer AV-Sammlungen zentral zugänglich macht. Institutionen, die ihre Bestände dort sichtbar machen wollen, liefern Metadaten und Vorschau-Files — die Master-Dateien bleiben bei der Institution.
Die Datenlieferung an Memobase folgt einem eigenen, dokumentierten Schema (Mapping aus den Memoriav-Metadaten-Empfehlungen), nicht direkt einem internationalen Standard wie Dublin Core oder EBUCore. In der Praxis lassen sich aus den eigenen Beständen via OAI-PMH oder direkter Datei-Lieferung passende Mappings erzeugen.
Verhältnis zu internationalen Standards
Memoriav-Empfehlungen sind anwendungsorientierte Übersetzungen internationaler Standards in den Schweizer Kontext:
- OAIS — der konzeptionelle Rahmen, den die Memoriav-Empfehlungen praktisch unterlegen.
- IASA TC-04 (Audio) und TC-05 (Video) — die Memoriav-Audio- und Video-Empfehlungen sind eng an die IASA-Technical-Committees angelehnt.
- FIAF (Filmarchive) und FIAT/IFTA (Fernseharchive) — Bezugspunkte für die Film- und Video-Reihen.
- METS + PREMIS — werden in Memoriav-Projekten typisch dort eingesetzt, wo grössere Repositorien aufgebaut werden (z. B. Phonothek, Cinémathèque suisse).
- BagIt — als Lieferformat für SIPs ans BAR oder zwischen Institutionen praxisüblich.
- FFmpeg und ExifTool — die Werkzeuge, mit denen die Memoriav-Format-Empfehlungen praktisch umgesetzt und überprüft werden.
Förderung und Projektablauf
Ein Memoriav-Projekt durchläuft typisch:
- Bestandsanalyse — was ist da, in welchem Zustand
- Antrag — auf Basis der einschlägigen Empfehlungen, mit Budget und Zeitplan
- Triage — Priorisierung der Erhaltungs- bzw. Digitalisierungs-Massnahmen
- Durchführung — meist mit externen Dienstleistern für die Digitalisierung
- Qualitätssicherung — gegen die Memoriav-Format-Vorgaben
- Metadatenerfassung und Memobase-Lieferung (wenn vorgesehen)
- Schlussbericht — verbindlich bei mitfinanzierten Projekten
Die Memoriav-Geschäftsstelle bietet Beratung vor Antragstellung und während der Projektdurchführung — ein Punkt, der in der Praxis viel wert ist.
Was wir intern beachten
- Versionscheck. Vor Antragstellung oder Offerte immer die aktuelle PDF-Version der relevanten Empfehlung von memoriav.ch herunterladen — die Format-Tabellen sind der Teil, der sich am häufigsten ändert.
- Beratung früh involvieren. Die Memoriav-Geschäftsstelle gibt unverbindliche Vor-Auskünfte; das spart später Iterationen.
- Memobase-Lieferung von Anfang an einplanen. Wer Metadaten erst am Schluss aufbereitet, baut doppelt.
- Master / Nutzungsformat sauber trennen. Memoriav prüft das im Schlussbericht; auch ohne Memoriav-Förderung ist das eine sinnvolle Grunddisziplin.
- Cold Storage und Geo-Redundanz — bei nennenswerten Datenmengen früh die Speicherstrategie klären, nicht erst nach der Digitalisierung.
Werkzeuge im Memoriav-Kontext
- FFmpeg — Pflicht-Werkzeug für Video- und Audio-Konversion und Validierung.
- ExifTool — Metadaten in Bilddateien lesen und schreiben.
- MediaInfo — technische Metadaten von AV-Dateien; oft für QA-Reports verwendet.
- DVAnalyzer / QCTools — spezialisierte Quality-Control-Werkzeuge für digitalisiertes Video.
- BWF MetaEdit — eingebettete Metadaten in WAV/BWF-Dateien.
- Siegfried — Format-Identifikation der gelieferten Files via PRONOM-PUIDs.