CIDOC CRM (Conceptual Reference Model) ist eine formale Ontologie für die semantische Beschreibung von Kulturerbe-Informationen. Entwickelt seit den 1990er-Jahren von der CIDOC Documentation Standards Working Group (ICOM), wurde es 2006 als ISO 21127 standardisiert; die aktuelle Fassung ist die Version 7.x (auch als ISO 21127:2023).
Im Unterschied zu konkreten Daten- und Austausch-Schemata (etwa Dublin Core, EAD oder LIDO) ist CIDOC CRM ein konzeptionelles Modell: Es beschreibt nicht welche Felder eine Datenbank hat, sondern welche Klassen von Dingen es in der Welt der Kulturerbe-Information gibt und welche Beziehungen zwischen ihnen möglich sind. Datenmodelle einzelner Anwendungen werden als „CRM-Mappings” auf das Modell projiziert; daraus entsteht semantische Interoperabilität zwischen Sammlungen.
Kernidee: ereignis-zentriert
Die wichtigste konzeptionelle Entscheidung des CRM ist seine Ereignis-Zentriertheit. Statt direkte Beziehungen zwischen Objekten und Personen zu modellieren („dieses Objekt wurde von Person X geschaffen”), werden Ereignisse als eigene Entität eingeführt:
[Person X] (P14 carried out by) ← [Schöpfung E65] → (P94 has created) [Objekt Y]
↓
(P4 has time-span)
↓
[Zeitspanne 1820–1825]
↓
(P7 took place at)
↓
[Ort Zürich]
Das erlaubt, beliebige Aspekte einer Schöpfung, Übergabe, Reparatur oder Ausstellung mit denselben Mustern zu beschreiben — und mehrere unsichere/abweichende Aussagen über dasselbe Ereignis nebeneinander zu führen.
Klassen und Properties
Klassen sind mit E<Nummer> numeriert, Properties mit P<Nummer>. Im Kern arbeitet man mit relativ wenigen Klassen, daneben gibt es viele Spezialisierungen.
| Klasse | Bedeutung |
|---|---|
| E21 Person | natürliche Person |
| E39 Actor | handelnde Entität (Person oder Körperschaft) |
| E22 Human-Made Object | physisches, vom Menschen geschaffenes Objekt |
| E5 Event | Ereignis (Oberklasse für E65 Creation, E12 Production, …) |
| E52 Time-Span | Zeitraum |
| E53 Place | Ort |
| E55 Type | Typenbezeichnung (kontrollierte Vokabulare) |
| E73 Information Object | Informationsträger (Text, Bild, Marke …) |
| Property | Bedeutung |
|---|---|
| P14 carried out by | Akteur eines Ereignisses |
| P4 has time-span | Zeitraum eines Ereignisses |
| P7 took place at | Ort eines Ereignisses |
| P108 has produced | Ergebnis einer Produktion |
| P67 refers to | Bezug zu einer anderen Entität |
| P138 represents | Information stellt etwas dar |
Implementation als RDF / OWL
Das CRM ist primär ein abstraktes Modell, wird aber meist als RDF/OWL-Ontologie eingesetzt. Daten werden als Tripel modelliert (Subjekt-Property-Objekt), Identifier sind URIs. Beispielfragment in Turtle:
@prefix crm: <http://www.cidoc-crm.org/cidoc-crm/> .
<obj/123> a crm:E22_Human-Made_Object ;
crm:P108i_was_produced_by <event/45> .
<event/45> a crm:E12_Production ;
crm:P14_carried_out_by <person/12> ;
crm:P4_has_time-span <ts/45> .
<person/12> a crm:E21_Person ;
rdfs:label "Hans Georg Nägeli" .
Wichtige Erweiterungen
CIDOC CRM hat eine Reihe modularer Erweiterungen für spezifische Bereiche:
- LRMoo (früher FRBRoo) — bibliografische Werke, Manifestationen, Items.
- CRMsci — wissenschaftliche Beobachtungen und Messungen.
- CRMarchaeo — archäologische Ausgrabungen und Kontexte.
- CRMgeo — geografische und geometrische Aspekte.
- CRMdig — digitale Objekte und Provenienz.
- CRMtex — Textwissenschaftliche Aspekte.
Verhältnis zu anderen Standards
| Standard | Charakter |
|---|---|
| CIDOC CRM | Ontologie / konzeptionelles Modell |
| ISAD(G) | archivische Verzeichnungsregeln (Felder + Hierarchie) |
| EAD | XML-Schema für Findmittel |
| TEI | XML-Schema für Texte |
| MODS / Dublin Core | bibliografische Felder |
| LIDO | XML für Museumsobjekte (CRM-konform) |
CIDOC CRM ergänzt diese Standards: konkrete Daten (z. B. EAD-Findmittel oder TEI-Editionen) werden ins CRM-Modell projiziert, um quer über Bestände hinweg suchbar und verknüpfbar zu werden.
Anwendung in Anton
Unser Archivinformationssystem Anton nutzt CIDOC CRM als Leitmodell für den RDF-Export und ergänzt es selektiv um RiC-O. Die Ereignis-Zentriertheit kommt dabei entgegen: Antons Datenmodell kennt bereits Events (Objekt × Akteur × Ort × Datum × Typ), die sich weitgehend direkt auf die CRM-Eventklassen abbilden lassen — creation → E12 Production, acquisition → E8 Acquisition, reception → E10 Transfer of Custody und so fort. Normdaten-Verweise (GND, VIAF, GeoNames, Wikidata) werden als owl:sameAs mitgeführt, kontrollierte Vokabulare als E55 Type / skos:Concept.
CRM dient hier als breit anschlussfähiges Modell für die Linked-Open-Data-Welt; wo RiC-O archivspezifisch genauer ist, wird es zusätzlich annotiert. Details im Spickzettel zu RiC und auf der Anton-Projektseite.
Werkzeuge
- 3M Mapping Memory Manager — Werkzeug zum Mapping zwischen Quellschemata und CIDOC CRM.
- ResearchSpace — Open-Source-Plattform für CRM-basierte Forschungsanwendungen.
- Arches — Open-Source-Plattform für Kulturgut-Inventare; CRM-konform.
- Erlangen-CRM/OWL — populäre OWL-Implementation des CRM.